1 - Sorry, Monogamie – es liegt nicht an dir, sondern an mir
6. Sept. 2025
2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Sept. 2025
Stellen Sie sich vor: Sie haben die Liebe Ihres Lebens gefunden, Ihre akademische Ausbildung abgeschlossen, geheiratet, sind ausgewandert, haben eine Familie gegründet, ein Eigenheim erworben und sich selbstständig gemacht – ganz gleich in welcher Reihenfolge. Sie haben alles, was Sie sich immer gewünscht haben.
Sie fühlen sich angekommen. Zufrieden. Einfach glücklich. Zumindest – wenn Sie ans Jetzt denken.
Der Gedanke an die Zukunft lässt Ihren Atem stocken, manchmal sogar aussetzen. Nach 15 Jahren Beziehung – geprägt von diesen Ereignissen – denke ich oft an den Liedtext der Ärzte:
„Vieles ist zur Gewohnheit verkommen
Doch das ist immer die Gefahr
Routine hat ihren Platz eingenommen
Bis es nicht mehr auszuhalten war.
Ich hoff, meine Worte machen es nicht noch schlimmer…“
Wenn Sie sich all das vorstellen können, dann haben Sie ein realistisches Bild von meiner Gefühlslage kurz vor meinem 40. Geburtstag. Ich weiß, es ist ein Klischee, aber was soll ich machen? Klischees sind Klischees, weil sie so vielen passieren – auch mir.
Ich war nicht nur diesem Klischee verfallen, sondern auch der Vorstellung, dass es zum Erwachsensein gehört, monogam zu leben. Das habe ich mir allerdings erst eingestanden, nachdem ich feierlich „Ja“ gesagt hatte. Dabei habe ich schon als Teenager gewusst, dass die Monogamie und ich so etwas wie ein toxisches Paar sind. Aber man hängt aneinander und versucht, es durchzuziehen. Schließlich bekommen die anderen das ja auch mehr oder weniger hin.
Oft führten mein Mann und ich Gespräche darüber, dass ich es bedauere, nie die Gelegenheit gehabt zu haben, das Konzept einer offenen Partnerschaft auszuprobieren – ohne etwas zu riskieren. Doch es blieben nur Worte, denn der Einsatz war zu hoch. Wer würde für ein wildes Herz schon sein mühsam aufgebautes Leben riskieren?
Ich jedenfalls nicht.
An rotweingeschwängerten Abenden kam meine eigene, nie wirklich ausgelebte Neigung zur Polyamorie immer wieder zur Sprache. Doch mit sinkendem Alkoholpegel kehrte auch die nüchterne Sichtweise zurück.
So bleibe ich ein kleines bisschen unglücklich – aber eben nicht unglücklich genug, um wirklich mutig zu sein.
Wir probierten halbherzig dies und das aus: besuchten gemeinsam Swingerklubs, meldeten uns auf Pärchenbörsen an. Es war spannend, ja, aber nie wirklich erfüllend. Der Gedanke, dass Sex in der Ehe bitteschön immer gemeinsam stattzufinden hat, war tiefer in uns verankert, als wir dachten. Im Laufe der Jahre mutierte die Monogamie in mir zum Feindbild, die mich in eine Form pressen wollte, der ich einfach nicht entsprach. Doch dagegen mit aller Gewalt zu revoltieren und Kollateralschäden in Kauf zu nehmen, war ich nicht bereit.
Wie erhebe ich mich gegen ein System, dessen Teil ich bin und das mein Leben trägt?
Wir starteten ein abenteuerliches Experiment – eines, bei dem wir uns unseren Ängsten sowie Wünschen gemeinsam stellten. Und ich vertraute darauf, dass unsere Liebe stark genug sein würde, um all das auszuhalten.
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