top of page

12 - Es ist nicht alles Gold, was glänzt

  • 6. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

… manchmal sind es auch Tränen.


Falls Sie dachten, dass eine offene Ehe nur aus der Aneinanderreihung von mehr oder minder gelungenen sexuellen Abenteuern besteht, dann haben Sie die Variable Mensch in der Gleichung nicht berücksichtigt. Und Menschen empfinden nicht nur sexuelle Lust, sondern auch Ängste; je enger wir mit einer anderen Person verbunden sind, umso näher kommen wir seinem Abgrund.


Sie haben sicherlich bereits eine Ahnung  davon, dass ich zu dem charmanten Schweizer eine enge Verbundenheit habe – und das trotz aller Widrigkeiten: die Sprache, der Altersunterschied, sein Beziehungsstatus, sein 'dolce Vita' im Gegensatz zu meiner deutschen Organisation – und dann war da noch die Knieoperation. Sie veränderte die Dynamik unserer Beziehung völlig – und ihn selbst auch. In dieser kurzen Zeit waren wir uns durch Worte und Musik so nahgekommen, ohne dass jenseits eines Kusses und einiger zaghafter Berührungen etwas zwischen uns passiert war, dass man den Eindruck hatte, den anderen wirklich zu sehen – ohne Filter, ohne Schutzmauer, einfach nur den Menschen.


Doch mit der OP und den damit verbundenen permanenten Schmerzen, dem daraus resultierenden Schlafmangel, verschwand der Mann, in den ich begonnen hatte, mich zu verlieben, immer mehr. Ein Zustand, der schwer zu ertragen ist und viel Geduld von mir erfordert. Ich will nicht verschweigen, dass meine Geduld gelegentlich dünner war als eine Nylons. Manchmal stand ich so lange an seinem Abgrund und schaute hinein, dass mir selbst schwindelig wurde und ich ins Wanken geriet.


Dass unter den gegebenen Umständen seine Libido aus Energiespargründen einfach ausgeschaltet wurde, konnte ich nachvollziehen und akzeptieren. Es drängte uns ja nichts. Umso überraschter war ich, als er plötzlich die Initiative ergriff und wir an einem Montagmittag auf meiner Couch intim wurden. Wenn ich sage „überraschend“, dann gilt diese Überraschung nur für mich – denn meine beste Freundin und der Göttergatte hatten genau das vorausgesagt, nachdem er endlich wieder Autofahren konnte und das erste Mal zu mir gekommen war.


Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie recht hatten, verzichtete ich auf Unterwäsche und wählte eine Strumpfhose mit strategisch praktischer Öffnung. Trotz dieser Kleiderwahl war ich überrascht. Alle anderen nicht. Aber ich ließ mich mitreißen, in der Hoffnung auf einen Wendepunkt.


Trotz Strumpfhose war ich auf diesen Absturz nicht vorbereitet. Umso härter traf mich der Schlag, als wir uns das nächste Mal in Paris sahen und er nahezu jeden Körperkontakt zwischen uns abblockte. Hielt er sonst stundenlang meine Hand während unserer Spaziergänge, war er jetzt plötzlich eisig, abweisend und traurig. Ich konnte an seinem Gesicht sehen, wie sehr er litt, aber ich konnte ihn nicht mehr erreichen.


Er war in sein Loch gefallen und hatte meine Hand losgelassen.


Ich hatte all diese Veränderungen natürlich bemerkt, aber irgendwie geglaubt, dass sich alles von allein wieder einrenken würde. Jetzt wurde mir bewusst, dass dies höchstwahrscheinlich nicht der Fall war, und ich sprach mit ihm über das Thema Depressionen.


An diesem Tag nach Hause zu kommen und mich hier mit der Geborgenheit meiner Familie vollzusaugen, hat mir verdeutlicht, wie wertvoll Beziehungsnetze sind. Denn hier fließt Liebe nicht nur zwischen zwei Menschen hin und her, sondern es gibt viele Menschen, die ihre Zuneigung in das Netz einspeisen. Und wer gerade mehr benötigt, als er geben kann, hat die Chance, dies hier auch zu bekommen. Die Liebe, die mein Mann mir gibt, ermöglicht es mir, in meiner anderen Beziehung gerade mehr auszuhalten, als ich allein könnte.


Das ist es, worum es für mich in einer offenen Ehe wirklich geht: ein Netzwerk aus Liebe zu bilden, das einen trägt – auch wenn man gerade in einen Abgrund fällt.

 
 
 

Kommentare


© 2025 by Frau Mustermann Powered and secured by Wix

bottom of page