13 - Es fehlen einem die Worte
- 13. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Haben Sie zufällig eine Ahnung, wer mit Beischlafbruder, Bettgefährten-Gatte, Poly-Gemahl, Schicksalsgenosse oder Homo Parallelus gemeint sein könnte? – Nein? Ich leider auch nicht.
Dabei wären das alles passende Bezeichnungen für den Ehemann der Frau, mit der Ihr eigener Mann mit Ihrem Wissen Sex hat – doch seltsamerweise stehen sie nicht im Duden.
In den vergangenen Wochen ist mir immer wieder aufgefallen, wie oft uns die richtigen Worte fehlen – entweder weil es sie schlicht nicht gibt oder weil kaum jemand sie ohne Erklärung versteht. Und das betrifft nicht nur die Benennung für die Beziehungspersonen unserer Sexualpartner – selbst einen passenden Begriff für das Tinderlinchen meines Mannes zu finden, ist schwierig.
Sie ist nicht seine Mätresse – das Ganze ist ja nicht geheim.
Sie ist nicht seine Geliebte – sie lieben sich nicht.
Sie ist keine Freundin mit Benefits – erst kommt der Sex, dann vielleicht die Freundschaft.
Sie ist nicht seine Partnerin – sie teilen weder den Alltag noch Interessen.
Und sie ist weder eine Bekannte noch eine Affäre noch eine Liebhaberin.
Wie sehr einen das Fehlen der passenden Begriffe aus dem Konzept bringen kann, wurde mir in Paris bewusst. Ich war dort, um eine Freundin zu treffen, die ich seit Langem nicht gesehen hatte. Sie lehnte sich zurück, nahm einen Schluck Wasser – für Wein war es ausnahmsweise zu früh.
Dann fragte sie harmlos:
„Und was machst du eigentlich in Paris?“
Ich sah sie an. Ich hätte lügen können. Ich hätte „Erledigungen“ murmeln oder behaupten können, ich sei hier, um „das touristenfreie Paris im Januar zu genießen“. Aber stattdessen entschied ich mich für die Wahrheit.
„Wenn ich dir das erkläre, hast du hinterher mehr Fragen als vorher.“
Sie runzelte die Stirn. „Jetzt erst recht. Was machst du hier?“
Ich atmete tief durch, dann sagte ich: „Ich bin in Paris, um mit meinem Liebhaber zum Arzt zu gehen.“
Punkt.
Stille.
Sie sah mich mit großen Augen an, und ich gab ihr einen kurzen Abriss über die letzten Ereignisse. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie unpassend die Worte „Liebhaber“ klangen. Das hatte etwas von frivoler, leichter Rumvögelei – dabei verband uns doch viel mehr eine tiefe Bindung und gevögelt wurde bisher noch nicht mal.
Während ich über Worte grüble, stellt mich der charmante Schweizer dem Klinikpersonal einfach so vor: „Nein, das ist nicht meine Frau, sondern meine Mätresse.“ Ich musste innerlich lachen – es war so offensichtlich auf Provokation angelegt. Und so unangebracht. Die Sekretärin öffnete den Mund, sah mich an – ich schenkte ihr mein strahlendstes Lächeln. Sie schloss den Mund wieder, öffnete ihn erneut, und tippte schließlich kommentarlos weiter auf ihrem Computer – vermutlich in der Hoffnung, dass sie sich verhört hatte. Damit sie die Nachricht auch wirklich verstand, zog der charmante Schweizer mich näher zu sich und küsste meine Hand, eindeutig zum lang, um als unschuldiger Handkuss gelten zu können.
Das Problem ist nicht nur, dass uns die richtigen Worte fehlen – sie fehlen uns, weil niemand darüber spricht. Meine neue Lebensrealität in Worte zu fassen, gelingt nicht, weil unsere Sprache noch in mononormativen Denkmustern steckt. Ich würde ja gerne das Wort „polyamor“ benutzen – als Gegenstück zu mon amour –, doch selbst in meinem Ohr klingt das wie veganer Wurstaufstrich – bekömmlich, aber erklärungsbedürftig.
Unsere Lösung?
Sehr unkreativ: Wir nennen die Menschen einfach bei ihren Vornamen. Ich mochte es noch nie, von „meinem Mann“ zu sprechen – ich liebe ihn nicht in dieser Funktion, sondern als ganze Person. Deshalb nenne ich ihn beim Vornamen, auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis ich ihn ohne Spickzettel richtig schreiben konnte. Und genauso handhaben wir es mit allen Menschen, mit denen wir in zuneigungsbasierten Beziehungen sind.
Aus Rücksicht bekommen sie hier Pseudonyme:
Tinderlinchen heißt Chloé,
der Schweizer ist Giovanni und
der Spanier Pablo.
Man muss nicht für alles eine Definition finden und es unnötig verkomplizieren. Wir sollten einfach den Menschen sehen und unsere einzigartige Beziehung zu ihm – statt ihn zwanghaft in eine Schublade zu stecken.
Und wenn wir es doch tun, dann bitte mit einer Beschriftung, die so individuell ist wie die Person selbst: Herzenskomplize, Lustfreund oder – für die, die es ganz sachlich mögen – emotionale Plus-Eins mit optionalem Beischlaf. Oder umgekehrt: regelmäßiger Beischläfer mit optionaler Gefühlsbindung.




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