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18 - Hobbykiller oder Märchenprinz

  • 18. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Jetzt, wo ich ein wenig Übung im Dating hatte, wollte ich möglichst wenig Zeit mit Schreiben verschwenden – da mir fünf Minuten mit dem Menschen ausreichen, um festzustellen, ob genug Chemie vorhanden ist, um eine Explosion herbeizuführen, oder ob man sich nur aneinanderreiben wird, ohne dass sich etwas entzündet – außer das geriebene Körperteil.


Das neue Match fackelte ebenfalls nicht lange, um eine Verabredung vorzuschlagen. Er wohnte zwar in Paris, war ab Freitag und übers Wochenende aber oft in meiner Ecke – sehr praktisch. Einziges Problem war, dass wir Samstag und Sonntag nicht daten, da wir unsere Vögelzeit zwar gerne von unserer Arbeitszeit abziehen – unter dem Aspekt „Gesundheit am Arbeitsplatz“ – aber nicht von unserer Familienzeit.


Doch, wie Sie bereits wissen, habe ich den weltbesten Ehemann, und dieser war zu einer Ausnahme bereit. Er würde sich am Sonntag um das Mittagessen kümmern, während ich mich mit Amar treffen sollte. Da ich am Wochenende nicht die übliche Strecke vorschlagen konnte, weil die Gefahr, bekannten Gesichtern zu begegnen, einfach zu groß war, googelte ich nach alternativen Strecken, bei denen man nicht auf den Weg achten musste und die für uns beide ungefähr gleich weit entfernt waren. Wer sucht, der findet – und das nicht nur bei Tinder. Ich fand einen mittellangen Spaziergang um einen kleinen See, ganz nah an der Seine. Das sah abgelegen und friedlich aus. Also schlug ich ihm diesen Treffpunkt vor, und er willigte ein. 


Schon auf der Fahrt zum vereinbarten Treffpunkt wurde die Gegend immer zwielichtiger. Hätte ich den Ort nicht selbst vorgeschlagen, hätte mich meine innere Paranoia wohl dazu überredet, umzudrehen. Mein Auto war das einzige auf dem Parkplatz; Amar war noch nicht da. Vor der abgebrannten Ruine einer Lagerhalle, neben einem Stellplatz voller Wohnmobile, zwischen denen Wäsche über Sperrmüll aufgehängt war, dachte ich: Der perfekte Ort, um jemanden am helllichten Tag umzubringen und die Leiche in den Trümmern der Lagerhalle rückstandsfrei zu rösten. Aus Sicherheitsgründen nenne ich diesen Ort lieber nicht, um nicht aus Versehen Hobby-Killer zu inspirieren.

Immerhin wusste der Göttergatte, wo ich war. Falls Amar sich als Axtmörder entpuppte, könnte mein Mann zumindest der Polizei einen Screenshot von Tinder schicken. Sicherheit ist wichtig, nicht nur beim Geschlechtsverkehr – sonst gibt dich der Waldboden bloß noch nackt und gefesselt wieder her.


Ich stieg aus, um zu sehen, ob ich den Ort, den ich bei Google gesehen hatte, wirklich finden würde. Tatsächlich, 100 Meter die Seine hinunter, kam die versprochene Idylle – und eine Nachricht von Amar:

„Wo bist du?“

Ich sah auf den Parkplatz und bemerkte, wie ein Auto neben meinem parkte.

Ich antwortete: „Vermutlich direkt vor dir.“


Er stieg aus. Wir liefen uns auf der Straße neben der Brandruine entgegen. Er sah mich mit diesem Lächeln an, das ich bisher nur auf Fotos gesehen hatte, nahm meine Hand, zog mich an sich und küsste mich mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten wir uns schon x-mal getroffen und nicht erst vor zwei Tagen angefangen zu schreiben.


Ich mochte alles an diesem Mann!

Sein Lächeln, seinen Duft, seine Küsse – und vor allem, dass er offenbar keine Axt im Kofferraum hatte – oder zumindest nicht griffbereit.


Er ließ mich die nächste Stunde nicht mehr los. Während unseres Spaziergangs hielt er mich ununterbrochen fest im Arm oder umschloss meine Finger mit seinen – nur unterbrochen von Knutschstopps, bei denen seine Füße stillstanden, aber seine Hände wanderten.


Es war ein märchenhaftes Tinder-Date.

Die Chemie stimmte,

die Küsse waren erregend,

der Spaziergang romantisch,

der ungefragt vorgezeigte Test negativ.


Und so vögeln sie hoffentlich bald glücklich bis ans Ende ihrer Kondition – oder bis zur ersten Ejakulation.

 
 
 

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