21 - Verschwindibus
- 8. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Dass bei einer offenen Ehe immer wieder neue Menschen hinzukommen, ist etwas, das man erwarten kann – ja, geradezu bezweckt. Doch der Umkehrschluss ist, dass auch andere wieder gehen. Es gibt Menschen, an denen man nicht sehr hängt, weil man sich nur kurz für ein Abenteuer auf einem Parkplatz getroffen hat.
So zum Beispiel Pablo, der es geschafft hat, für einen simplen Test länger gebraucht zu haben als deutsche Politiker für einen Koalitionsvertrag. Ich hatte ihn mental schon abgehakt, als ganz überraschend doch noch ein nagelneues Testergebnis auftauchte. Eine Woche lang war er voller Eifer, Dickpics und heißer Worte – so wie ein Teenager mit WLAN, aber ohne Abspritzmöglichkeit.
Wir fanden einen Termin, er wollte ein Hotelzimmer buchen – und dann:
puff- löste er sich in Luft auf.
Ich war genervt, aber mehr noch war ich gespannt, was seine Ausrede sein würde. Ich hatte die Hoffnung auf eine erfundene, aber immerhin unterhaltsame Erklärung schon aufgegeben, als ich folgende Nachricht erhielt:
„Hallo Süße, ich hoffe, es geht dir gut?
Ich habe schon lange nichts mehr von dir gehört.“
Ich war kurz wirklich sprachlos.
Hat Pablo vielleicht ein ernst zu nehmendes Gedächtnisproblem?
Das konnte er unmöglich ernst gemeint haben – oder?
Ich wollte ja kein Arsch sein – also entschuldigte ich mich umgehend für mein schlechtes Verhalten: „Es tut mir wirklich leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe, nachdem du ein geplantes Date nicht abgesagt und dich fünf Wochen totgestellt hast. Aber weißt du was?– das Tinder-Buffet ist gut gefüllt.“
Wenn Menschen wie Pablo den Verschwindibus machen und so schnell aus meinem Leben verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, ist das eine schmerzfreie Angelegenheit. Es gibt allerdings Abschiede, die sich ganz anders anfühlen.
Ich hatte schon angedeutet, dass die Situation mit Giovanni immer schwieriger geworden ist. Letztlich war da nicht nur viel räumliche Trennung, sondern auch eine emotionale Distanz, die nicht mehr zu überwinden war. Der Mann, der mir den Mut geschenkt hat, das Leben zu führen, das ich wirklich leben will – er war nicht mehr da. Manchmal frage ich mich, ob er eine Fata Morgana war. Auch wenn ich fest daran glaube, dass ein Netzwerk aus Liebe viel mehr aushalten kann als ein einzelner Mensch – es kam der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass diese Beziehung mehr wehtut als guttut.
Ich habe diese Entscheidung allein im Garten getroffen. Und als der Göttergatte keine Stunde später fragte, ob es etwas Neues von Giovanni gibt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Ich sah an seinem erschrockenen Gesichtsausdruck, dass ich nicht die Einzige war, die nicht wusste, wie genau wir jetzt mit der Situation umgehen sollten. Der wundervolle Mann, der er ist, fragte mich, ob ich darüber sprechen wolle.
Aber nein, das wollte ich nicht.
Ich wollte mich nicht an der Schulter meines Mannes ausweinen, weil ich aus Selbstschutz einen Menschen verlassen habe, der mir nah war. Also tat ich, was jede halbwegs funktionierende Frau tut, wenn sie keine Zeit zum Zusammenbruch hat – ich schluckte die Tränen runter, warf die Wäsche rein, rührte im Topf und tat so, als würde ich nicht gleich weinend die Spülmaschine umarmen.
Bis wir vor dem Fernseher saßen und der Göttergatte „angeblich“ aus Versehen den wohl einzigen Tom-Hanks-Film ausgesucht hatte, der mich zwei Stunden lang ohne Unterbrechung zum Heulen brachte.
Tom Thanks!
Wenn Sie auch mal heimlich heulen wollen, dann lege ich Ihnen „Ein Mann namens Otto“ wärmstens ans Herz.
Es ist schon merkwürdig, sich von jemandem zu trennen, obwohl man mit dem besten aller Ehemänner verheiratet ist. Aber auch dieses Gefühl – so widersprüchlich es ist – gehört wohl zu unserem neuen Leben.




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