24 - Gedichte statt Gelüste
- 29. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Nachdem das spontane Date am Dienstag so wortwörtlich auf die Bettdecke gegangen war, dass selbst die Waschmaschine verstört war – Schwamm drüber und weiter zur nächsten Verabredung. Es war Donnerstag: richtiger Tag, richtiger Mann, neuer Versuch!
Über diesen Herrn wusste ich nicht viel – aber genug für ein Date. Er unterrichtete irgendwas mit Wirtschaft und Zahlen an der Uni, war Single, mochte morbide französische Poesie – und war sonst eher zurückhaltend. Wir hatten uns einmal für ein 30-Minuten-Date in seiner Mittagspause getroffen. Sein stürmischer Kuss schmeckte damals nach Caesarsalat. Danach dauerte es ganze vier Wochen, bis wir endlich wieder terminlich kompatibel waren – abgesehen von der kleinen Dienstag-Donnerstag-Panne.
Diesmal ging alles deutlich schneller: Kaum saß ich mit einem Glas Rotwein auf der großen Couch, war seine Begeisterung nicht mehr zu übersehen. Zehn Minuten später befanden wir uns auf dem Weg in sein Schlafzimmer. Er schickte mich schon mal voraus, während ich im Hintergrund hörte, wie Schubladen auf- und wieder zugingen – ein Klangteppich aus Hoffnung und Panik auf der Suche nach Latex. Ich hatte keine Kondome in meiner Handtasche, bot aber an, welche aus dem Auto zu holen. Doch dann wurde er doch noch fündig. Er hatte es spürbar eilig – was mich bei Tinder-Dates und alleinstehenden Männern nicht weiter überraschte. Etwas enttäuschend, aber nicht ungewöhnlich war, dass seine Erektion nach fünf Minuten eine kreative Pause einlegte. Ich bot Hilfestellungen an und wartete höflich, aber vergeblich auf die Fortsetzung des Epilogs. Nun gut. Das kann dem besten Mann mal passieren. Aufregung, Druck, Stress – da gibt es viele mögliche Ursachen.
Wir lagen also in seinem dunklen Schlafzimmer. Ich lag auf seiner Brust. Nachdem wir Nietzsche gestreift und den Übermenschen verworfen hatten, herrschte plötzlich Schweigen. Da uns beiden die Worte fehlten, bediente er sich einfach der Worte anderer. Er begann im Dunkel unserer Nacktheit damit, Baudelaire zu rezitieren – mit erstaunlich stimmungsvoller Vortragsweise. Ich verstand nicht jedes Wort – war aber gleichzeitig verwirrt und beeindruckt. Nach einigen langen Gedichten des französischen Meisters wechselte er zu Shakespeare – auf Englisch, vermutlich, damit ich besser folgen konnte.Ich lag da, hörte ihm zu, streichelte ihn sanft. Der Moment fühlte sich surreal an – aber nie unangenehm. Ich lag nackt in den Armen dieses beinahe Unbekannten, der mir im Dunkeln Gedichte aufsagte. Und gerade, als ich dachte, es könne nicht eigenartiger werden, begann er plötzlich, auf Spanisch zu singen – und zwar deutlich besser als ich unter der Dusche.
Er hatte eine geübte Stimme und sang nackt für mich, als wäre es das Normalste der Welt – nackt, singend, poetisch. Solange ich meine Finger über seinen Körper gleiten ließ, sprach er weiter – mit den Worten fremder Männer. Als ich nach zwei Stunden aufhörte, in der Annahme, es könne ihn vielleicht stören oder die Gedichtechte ausgehen, stand er auf und sagte: „Ruh dich ruhig aus. Ich werde unten auf dich warten.“
Ich ignorierte diese Bemerkung, zog mich an, setzte mich zu ihm auf die Couch und fragte, ob er noch arbeiten müsse – um ihm die Möglichkeit zu geben, dieses Date elegant zu beenden.Doch statt zu bejahen, nahm er meine Hand, legte seinen Kopf in meinen Schoß, und meine Finger strichen zärtlich über sein Gesicht, während uns Haydn leise umgab wie eine warme Wolldecke. Wir sprachen nicht – wir hörten einfach nur zu.
Als ich später wieder im Auto saß, war ich verwirrt. Und seltsam berührt. Das war definitiv das ungewöhnlichste Date, auf dem ich je war.
Nichts war unangenehm, aber alles unerwartet. Kein Sex, keine Peinlichkeit – aber dafür ein Hauch von Poesie, den ich bis heute nicht loswerde.




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