28 - Ex-Akten
- 26. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Bestimmt wissen Sie, dass man am Tag fünf Portionen Obst und Gemüse essen soll – damit mein Mann ausreichend Auswahl an frischen Früchtchen hat, stand direkt am Tag nach der Aprikosen-Wurst-Cookie-Verkostung – einem kulinarischen Verbrechen an der Menschlichkeit – ein weiteres Date auf dem Plan, und zwar mit Antonia in Paris. Ich fiebere immer mit dem Göttergatten mit und war folglich ernsthaft um seine Quote besorgt, als er mir schon nach 90 Minuten mitteilte, dass das Spiel sei aus. Keine Verlängerung? – Oh, oh … das sah nicht gut aus!
Ich saß zu Hause auf unserem Sofa wie ein nervöser Sportreporter: Und da kommt er aus Paris zurück … kein Tor, kein Kuss, keine Rote Karte, aber immerhin ohne Verletzung. Was für ein Spieltag! Die Spielanalyse blieb vorerst ergebnislos. Er hatte den Eindruck, dass die Chemie zwischen den beiden gut gewesen sei, aber etwas habe Antonia irritiert. Der Fotobeweis lieferte eine halbe Stunde später Klarheit. Tatsächlich gab es da eine Sache, die sie irritiert hatte: Mein Mann sah genauso aus wie ihr Ex-Mann.
Und sie bewies es, indem sie ein Bild schickte, auf dem mein Mann mit ihr im Urlaub zu sehen war. Die Ähnlichkeit war wirklich frappierend. Lustigerweise sahen die beiden nicht nur gleich aus, sondern sie bewegten sich auch fast identisch – und hatten exakt die gleiche Jacke. Natürlich hatte der Göttergatte ausgerechnet diese Jacke an. Also, dass Antonia davon etwas verwirrt war, konnte ich gut nachvollziehen.
Wenn ich ehrlich bin: Mich verwirrt das auch ein wenig – und
amüsiert es. Eins ist sicher: Ihr Beuteschema ist so eindeutig, das könnte man patentieren lassen – samt Jackenmodell, Bartform und Einheitsgröße. Wenn sie clever ist, spart sie sich direkt Tinder und stellt sich stattdessen einfach im Herrenbekleidungsgeschäft neben das bevorzugte Jackenmodell – und sucht sich unter den Käufern denjenigen aus, der ihr gefällt. Auch sonst ist die Sache mit Antonia nicht unkompliziert. Denn, abgesehen von ihrer Beuteschema-Fixierung in Verbindung mit Jackenmonogamie: Sie weiß zwar, auf was für Typen sie steht – aber was sie darüber hinaus will, ist ihr selbst nicht ganz klar. Sie will eine offene Beziehung, in der sie die Hauptperson ist, monogam geliebt wird, aber trotzdem noch ’Freiheit atmen kann’. Ich habe schon Mietverträge gelesen, die klarer waren. Aber meinen Mann fand sie auch ganz toll – klar, sie war ja schon mal mit ihm verheiratet. Nur so richtig weiß sie nicht … Es bleibt also spannend, ob am Ende ausgerechnet eine Italienerin dem Herrengemahl seine 100%-Quote verhagelt – dabei hätte er sie doch lieber genagelt. Entschuldigen Sie den respektlosen Reim – aber der musste einfach kurz sein.
Apropos Ex: Manchmal tauchen sie schneller wieder auf, als einem lieb ist – auch dann, wenn man gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist, zum Beispiel, wenn man mit Kopfhörern und Buch in der Kletterhalle, komplett vertieft ist. Plötzlich schoben sich mir von hinten Hände über die Augen, die ich nicht habe kommen hören. Obwohl ich beim Klettern stets auf Sicherheit achte, rutscht mir mein Herz kurz in den Keller. Meine Finger fahren über jene, die mir die Sicht versperren. Ich weiß, zu wem sie gehören – und weiß nicht, was ich sagen soll. Vor mir steht Giovanni, der über das ganze Gesicht strahlt und mich anlächelt.
Ich bin, gelinde gesagt, überfahren und überfordert – und gleichzeitig freue ich mich unendlich, ihn zu sehen. Ihn lächeln zu sehen. Er hatte sich ein Alibi-Kind aus der Nachbarschaft ausgeliehen, das so viel Lust hatte auf Klettern wie ich auf Monogamie. Ich hoffe, es gab wenigstens ein Bestechungseis. Oder zwei.
Fassen wir zusammen: Wir hatten einen Ex-Doppelgänger, eine Kinderüberraschung in der Kletterhalle, und eine Frau mit einer Beziehungslogik wie ein Origami. Die Gefühle der Vertreter der italienischen Sprache sind offensichtlich komplexer als ihre Nudelgerichte.
La dolce vita lässt grüßen.




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