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3 - Ein Abschiedskuss für die Monogamie

  • 6. Sept. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Sept. 2025

Für welche der Optionen hätten Sie sich entschieden?


Ich entschied mich für Möglichkeit drei – die Erwachsenen-Variante. Leider gab es keine Gebrauchsanweisung, wie man das genau macht. Schon bald stellte ich fest, dass es ein völlig anderes Kaliber ist, eine Entscheidung zu treffen und sie in die Tat umzusetzen. Ich bemühte mich, die Situation so nüchtern wie möglich zu betrachten, und erzählte meinem Mann, dass der charismatische Fremde aus der Kletterhalle und ich Nummern ausgetauscht hatten.


In den 13 Jahren, die ich inzwischen hier lebte, hatte ich noch nie so viel Französisch geschrieben oder gelesen. Wie gut, dass meine Schwiegermutter nicht wusste, dass ich plötzlich Lust hatte, mein Französisch aufzupolieren – nicht für die Familie, sondern für einen italienischsprachigen Schweizer. Zwölf Jahre Ehe mit einem Franzosen hatten mich nie dazu gebracht, freiwillig ein Telefonat auf Französisch zu führen. Und plötzlich freute ich mich über jedes Wort.


Nach endlosen Textnachrichten verabredeten wir uns eine Woche später zum Klettern. Sind Sie schon mal zu einem ersten Date in Jogginghose gegangen? Ich bis dahin nicht. Aber es war eindeutig der Moment, um neue Dinge auszuprobieren. Und vielleicht ist Sportkleidung die ehrlichste Form von Dating-Outfit: Keine falschen Versprechungen, nur Gummi und Schweiß – ehrlicher wird’s nicht. Weder beim Sport noch beim Daten.


An unserem ersten Treffen war ich so aufgeregt wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Und das, obwohl wir nur klettern gingen – also wortwörtlich festgeschnallt am Seil. Romantik sieht eigentlich anders aus, z.B. festgeschnallt im Bett. Dieser Mann weckte in mir einen Gefühlssturm, der mich gleichzeitig beflügelte und überforderte. Seine eindrucksvolle Fähigkeit, seine Gefühle auszudrücken – verfehlte bei mir definitiv nicht ihre Wirkung. Nichts daran wirkte schwülstig, es war schnörkellos und erschreckend ehrlich. Es rührte mich, zu sehen, dass ich all das in jemandem freilegen konnte – und gleichzeitig machte es mir Angst.


Von Anfang an hatte ich ihm gesagt, dass ich verheiratet bin und ein Seitensprung für mich nicht infrage kommt. Doch bevor ich es wagte, das Gespräch mit meinem Gatten zu führen – ein Gespräch, vor dem ich so lange davongelaufen war, weil es nie einen konkreten Anlass gegeben hatte –, musste ich sicher sein, dass dieser Mann, der so anders war als ich und gleichzeitig so viele meiner Interessen und Sehnsüchte teilte, wirklich ein triftiger Grund war.


Nach unserem ersten Klettertreffen, das von subtilen und zaghaften Berührungen geprägt war, nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich gab ihm, wie es in Frankreich üblich ist, einen Kuss auf die Wange. Doch dieser einfache Abschied reichte ihm nicht. Er hielt mein Gesicht sanft in seinen Händen, legte seine Lippen auf meine, und dann küsste ich ihn. Ich musste wissen, wie dieser Mann schmeckte, wie die Freiheit schmeckte. Dieser eine Kuss genügte, um meine Entscheidung zu besiegeln.

Von da an trafen wir uns zweimal wöchentlich in der Kletterhalle.


Dort konnte nichts geschehen, das meine Grenzen überschritt, und dennoch verbrachten wir Zeit miteinander. Praktischer Nebeneffekt: Wer schwitzte, konnte immer behaupten, es läge am Training.

 
 
 

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