top of page

30 - Vögeln mit Bildungsauftrag

  • 12. März
  • 3 Min. Lesezeit

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden kennengelernt, mit dem Sie keinen beruflichen Umgang pflegen, kein gemeinsames Hobby teilen und der nicht über Ihre Kinder oder Ihren Partner ins soziale Umfeld gerutscht ist?

Bei mir war das zuletzt, als ich in Frankfurt meinen Anschlussflug nach Paris verpasst und mir mit einer Gruppe anderer Gestrandeter die Nase an der Flughafenscheibe platt gedrückt habe.


Doch dann kam Tinder. So sehr ich mich über Dating-Apps gern lustig mache – der Fairness halber: Tinder lässt unsere sozialen Blasen platzen. Und ja, das kann sogar bilden. Vor allem, wenn man dabei ein bisschen vögeln will.


Ich habe in meinem Leben nie einen Angehörigen der Tuareg getroffen. Mir war zwar klar, dass das nicht nur ein VW-Modell ist (und ganz sicher kein geeignetes für die Sahara), aber außer der Tatsache, dass es sich um ein Wüstennomadenvolk handelt, hätte ich nichts Gehaltvolles zum Thema beizutragen gehabt. Ebenfalls nie begegnet bin ich vorher einem in Deutschland geborenen Kameruner, der nie in Kamerun gelebt hat – dafür aber in China und fließend Mandarin beherrscht. Zwei Tinder-Bekanntschaften von vielen – aber genau solche machen mich neugierig. Sie stimulieren mich dazu, mehr zu erfahren und meine eigene Perspektive zu erweitern. Seit Giovanni in meinem Leben ist, lerne ich Italienisch. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will – weil ich ihm zeigen möchte, dass mich seine Wurzeln interessieren und weil Italienisch viel einfacher ist als Französisch, was den Göttergatten so herrlich nervt. Wenn Sie ein aufmerksamer Leser sind, wissen Sie: Ich lese beim Klettern gerade ein Buch über die Sahara – auch wenn Amar nie dort war, weil er in Frankreich geboren ist. Trotzdem möchte ich etwas über seine Wurzeln wissen. Ich habe erneut angefangen, mich durch Nietzsche zu kämpfen, um mit dem nächsten nackten Poeten ein Gesprächsthema zu haben während der Schaffenspause. Mein Mann fährt plötzlich mitten in Paris Auto, was 15 Jahre lang auf die Ehefrau outgesourct wurde.


Und das ist eine Seite an Tinder, die wirklich großartig ist – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Eine besonders schöne Begegnung war auch das Grillen mit Chloé und ihrem Mann. Ich weiß, was Sie jetzt denken: Na klar, Würstchen heißgemacht und dann der klassische Partnertausch hinter dem Gartengrill. Aber da täuschen Sie sich. Alle sind angezogen geblieben. Sogar die Aprikosen. Aber ja – über Würstchen wurde gewitzelt. Vor allem in Kombination mit Aprikosen, denn Chloés Partner bekam am nächsten Tag die Reste der Sexkreation in seine Brotdose. Er behauptete sogar, dass es nicht einmal ihr schlimmster kulinarischer Ausrutscher gewesen war. Dieser Mann muss wirklich geschmacksresistent sein, auch sonst ist er faszinierend. Obwohl er mit einer sehr sexuell aktiven Frau zusammenlebt, hat er mit ihr keinen Sex – überhaupt mit niemandem. Er ist asexuell und findet am Thema Sex keinerlei Reiz. Ganz im Gegenteil: Er ist froh, dass sie mit ihrem „Sex-Aerobic“ andere Männer belästigt, während er lieber 110 Kilometer am Tag rennt.


Ein klassischer Fall von: Gegensätze ziehen sich an. Dass die beiden trotz der Abwesenheit gemeinsamer Sexualität ein so gut funktionierendes Paar sind, finde ich großartig. Dass sie trotz der völligen Abwesenheit gemeinsamer Sexualität so gut harmonieren, finde ich faszinierend. Für mich persönlich unvorstellbar – aber vielleicht ist genau das die Kunst: Lieben zu können, ohne ständig die Hose runterlassen zu müssen.


Trotz all der großen und kleinen Sexpannen auf diesem Abenteuer zeigt uns Tinder vor allem eins: die unzähligen Möglichkeiten, zu lieben, zu vögeln – und zu leben. Danke, Tinder – ich hätte sonst nie gelernt, wie viele Arten von Nähe es gibt und wie viele Sorten Würstchen.

 
 
 

Kommentare


© 2025 by Frau Mustermann Powered and secured by Wix

bottom of page