35 - Blind Date mit der Wirklichkeit
- 16. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
„Lass mich das ganz klar sagen: Ich will keinen Sex mit dir.“ Endlich mal jemand mit Niveau. Oder wenigstens mit einem ungewöhnlichen Verkaufsansatz. Natürlich schrieb ich ihm weiter – man weiß ja nie, wo das Nicht-Wollen hinführt.
Unsere gemeinsame Vorliebe für japanische Poesie, Nietzsche und komplizierte Liebesbeziehungen verband uns. Vielleicht auch der Umstand, dass wir beide einen Kink teilten – über den ich Sie hier im Dunkeln lasse.
Monatelang tauschten wir uns regelmäßig über alles Mögliche aus, nur nicht über das reale Leben. Gelegentlich schlichen sich kleine erotische Andeutungen ein, aber immer sehr subtil. Es war eine dieser Konversationen, die gleichzeitig geistreich, anregend und etwas mysteriös sind. Irgendwann wollte ich wissen, wie dieser Mann eigentlich aussieht. Auf seinem Profil sah man ihn nur ab den Lippen abwärts: auf einer Ledercouch, im weißen Hemd, mit Weste, dunkler Hose und Anzugschuhen. Dieses Bild ließ viel Raum für Fantasie – und ich hatte ein halbes Jahr Zeit, es facettenreich auszumalen.
Als er dann noch erwähnte, dass er manchmal in meiner Kletterhalle unterwegs sei, fing es doch ein wenig an zu kribbeln. Ich begann, jeden Mann um die 50 mit Dreitagebart und passender Statur besonders freundlich anzulächeln. Ich hätte mich beinahe von fremden Männern anbinden lassen – rein aus investigativer Neugier. Aber offenbar sind in meiner Kletterhalle alle offen für neue Trainingspartner, sodass mich das bei der Suche nach meinem gesichtslosen Brieffreund kein Stück weiterbrachte. Es hätte spannend sein können – er wusste schließlich, wie ich aussehe. Ich hingegen wäre auf einem Blind Date gewesen. Das hätte Potenzial gehabt.
Wir waren zu einem ausdrücklich sexfreien Date an der Seine verabredet – mit Picknick und Wein. Ich kam etwas früher, um der Männerparty in meinem Haus zu entfliehen, saß in der Sonne und las – wie immer mit Kopfhörern –, als mich ein Mann ansprach. Offensichtlich mein Date. Nur … ich war mir nicht sicher, ob ich sein Date sein wollte. Statt des charmanten, gut gekleideten, athletischen Mannes stand da ein angepummelter Wanderer, in schmuddeliger Jeans mit zwei Rucksäcken. Wer taucht mit zwei Rucksäcken zu einem Date auf?
Einer hätte ja gereicht, um meine Erwartungen gleich mit einzupacken. Ich war überrascht – und fühlte mich ein wenig verarscht.Wir hatten eine Woche zuvor noch darüber gesprochen, wie nett ich zu Männern seiner Altersklasse in der Kletterhalle sei – logischerweise auf Basis des Profilbilds. Spätestens da hätte er sagen können: „Übrigens, das ist nur ein Bild davon, wie ich mich selbst sehe. Mein Fremdbild könnte davon abweichen.“
Also: wieder ein Date mit unerwarteter Wendung. Wir waren uns wirklich sympathisch und hatten einen unbeschwerten Abend. Wir redeten viel über offene Ehen – etwas, das mich bekanntermaßen fasziniert. Aber der Mann meiner feuchten Träume war das definitiv nicht. Der Mann in meinem Kopf war bedauerlicherweise nicht der, der vor mir saß. Vor allem, weil von der sexuellen Spannung, die uns schriftlich verbunden hatte, nichts mehr zu spüren war. Ich konnte das nicht zusammenbringen – Fantasie und Wirklichkeit prallten aufeinander – wie wir bei seinem zaghaften Versuch eines Abschiedskusses, der sich nicht entscheiden konnte, wohin er wollte. Er pendelte zwischen Lippe und Wange und landete schließlich irgendwo dazwischen.
Ich wusste genau, wo ich hinwollte: nach Hause – zu acht mir wohlbekannten Männern und Bierpong. Mein Mann hatte ihnen schon gesteckt, dass ich auf einem Tinder-Date war. Und alle dachten sich wohl: Bloß nicht fragen – am Ende könnten sich uns ungefragte Alternativen darbieten. So höflich, so perplex, so verunsichert – eine Frauenrunde hätte schon auf dem Parkplatz Details hören wollen. Die Männer tranken lieber Bier – und hofften, dass unsere Realität nicht auch noch ihre Frauen ansteckte.




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