49 - Sturzflug
- 23. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Andere Menschen zu lieben und all die Gefühle, die in mir drin sind, herauszulassen, fühlt sich extrem befreiend an – als könnte man endlich wieder atmen, nachdem jahrelang ein Elefant auf der eigenen Brust saß. Einer, der dabei noch seelenruhig Sudokus gelöst hat. Als regelmäßiger Leser wissen Sie natürlich, wie spannend ich all das finde – und wie dankbar ich dem Göttergatten bin, dass ich all das mit ihm erleben darf.
Leif ist der erste Mann, in den ich mich verliebt habe – seit dem Göttergatten. Weil er mein Herz zum Hüpfen bringt. Weil er mir nah ist. Weil wir seit dem ersten Kuss miteinander verbunden sind.
Für mich bedeutet Lieben immer auch Fürsorge: den anderen auf dem Radar haben wie ein Fluglotse. Man lässt ihn fliegen, weiß, wo er hinwill, und hat ihn trotzdem immer im Blick. Falls es ein Problem gibt, kann es sofort gemeldet und gemeinsam gelöst werden – damit niemand abstürzt. So liebe ich. Ich lasse frei, aber bin immer einsatzbereit. Ich sehe dich – auch wenn du nicht da bist.
Dass Leifs Art zu lieben eine andere ist, hat mich diese Woche in einen ungeplanten Sturzflug geschickt. Kabinendruckverlust und Rettungsweste aufblasen inklusive.
Wir wollten uns sehen. Wegen der Ferienlogistik war das ohnehin schon kompliziert genug. Also hatte ich vorsorglich ein Zeitfenster reserviert. Vielleicht. Eventuell. Wenn alles klappt.
Als schließlich feststand, dass ich tatsächlich verfügbar bin, schrieb ich ihm. Und er antwortete, dass er inzwischen andere Landepläne habe.
Mehr war objektiv betrachtet nicht passiert.
Kein Streit.
Keine bösen Worte.
Und trotzdem traf es mich mit voller Wucht.
Der Mann, der mich liebt. Der Mann, den ich ohnehin nur selten sehe. Der Mann, bei dem mein Herz immer noch kurz einen Salto macht, wenn sein Name auf dem Handy aufleuchtet. Und nun war das Zeitfenster, das ich so umständlich für uns frei organisiert hatte, plötzlich an eine andere vergeben worden. Autsch. Das saß ziemlich genau zwischen Selbstwertgefühl und Restromantik. Mir ist vollkommen bewusst, dass das nie seine Intention war. Aber Gefühle interessieren sich leider nur selten für Intentionen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung. Nicht darin, mehrere Menschen zu lieben. Sondern darin, zu akzeptieren, dass andere Menschen Liebe anders leben als man selbst. Die gleichen Worte bedeuten eben nicht automatisch die gleiche Art zu lieben. Nicht weniger. Aber anders.
Und genau das muss mein Herz gerade lernen. Herauszufinden, wie Liebe sich für Leif anfühlt – sie anzunehmen als das, was sie ist, statt sie mit meiner eigenen Gebrauchsanweisung zu vergleichen – wird wohl ein neues Update der Radarsoftware erfordern. Version 2.0: Poly-Kompatibilität mit fakultativem Kommunikationsverstärker. Aber genau an diesen Herausforderungen wachsen wir. Zum Glück ist das nicht mein erstes unerwartetes Update. Es ist wie mit dem Squirting: Anfangs wirkte es wie ein ungefragtes Windows-Feature, das beim Poppen plötzlich aufploppt – aber inzwischen ist es Teil des Systems. Ich weiß: Ein Handtuch liegt bereit, es gibt vor dem Date keinen Spargel mehr – und schon kann ich es genießen.
Lieben heißt, Gefühle zuzulassen und verletzlich zu sein.
Poly sein heißt, dasselbe multipliziert mit der Anzahl von Radarpunkten. Das erhöht zwar das Risiko für Turbulenzen. Aber auch die Chance auf unvergessliche Aussichten.
Und wenn man jemanden hat, an dem man sich während des Sturzfluges festhalten darf, dann schwebt man gemeinsam, bis man wieder Boden unter den Füßen hat.




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