51 - Rentrée der Libido
- vor 3 Tagen
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Das Sommerloch in Frankreich ist keine leicht bekleidete Touristin am Strand. Nein, das Sommerloch ist ein national zelebrierter Ausnahmezustand, in dem alles schließt, was nicht direkt am Strand liegt oder zumindest Muscheldekor besitzt. Bäckereien: zu.
Postämter: tot.
Kultur: im Koma.
Behörden: existieren nicht mehr.
Und dann – als hätte jemand auf „Zurück in die Realität“ gedrückt – kommt der September.
Willkommen zur Rentrée – dem kollektiven Burn-out nach dem Urlaub.
Zeitgleich mit dem erlösenden Wiederbeginn der Schule eröffnen auch Vereine die neue Saison. Die Rentrée ist der Startschuss für den sozialen Neuanfang.
Offensichtlich meinten gleich einige Altbekannte, dass zur Rentrée auch die Einschreibung bei mir erneuert werden müsse – wie bei einem Volkshochschulkurs, den man nie abgeschlossen hat, aber immer wieder bucht.
Die erste Überraschung wartete bei Tinder auf mich, wo ich einen Superlike erhalten habe. Ich konnte gerade noch mein Handy retten, bevor es eine erfrischende Earl-Grey-Dusche abbekam – ausgerechnet wegen ihm! Der Typ vom Spargelspektakel. Ich konnte es kaum glauben und mir leider auch nicht den Kommentar verkneifen, ob er vergessen hat, dass wir uns erstens schon kennen und zweitens er wegen mir bereits eine Bettdecke wegschmeißen musste.
Seine Reaktion: ein Grinse-Smiley und eine Einladung. Dafür fehlen mir echt die Worte. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: Ist es charmant, dass er großzügig über das Missgeschick hinwegsieht, oder notgeil, weil ihm selbst solche Umstände egal sind, solange er nur zum Zug kommt?
Wie auch immer – diese Buchung wurde storniert.
Über den zweiten Kandidaten habe ich mich ehrlich gefreut – auch wenn ich wusste, dass der Einschreibungsgrund persönliches Scheitern ist. Die neue Beziehung von Amar war zerplatzt wie ein mit Wasser gefülltes Kondom, das aus dem fünften Stock geworfen wurde. Aber gut – ein geplatztes Kondom ist ja kein Weltuntergang. Gibt ja Nachschub. Zum Beispiel auf meinem Nachttisch.
Und so fragte er hoffnungsvoll, ob wir uns demnächst mal wiedersehen könnten – ganz zwanglos, versteht sich. Ohne Erwartungsdruck, aber mit Nachdruck. Diese Einschreibung wurde angenommen – samt Willkommenspaket und gut gefüllter Schublade.
Tja, und bei Bewerber Nummer drei laufe ich noch immer im emotionalen Zickzack. Können Sie sich noch an den vielversprechenden Schweizer erinnern, der das ganze Experiment ins Rollen gebracht hat, sich dann selbst verloren hatte – und auch mich? Der dann einen Anlauf mit einem geliehenen Alibikind unternahm und mir letztlich mit kontextlosen Bildern via WhatsApp eine kostenlose, wenn auch unfreiwillige, Ausbildung zur Bildinterpretin zukommen ließ. Ich schwöre, ich kann jetzt aus drei Pixeln ein Männerproblem erkennen.
Genau dieser teilte mir kurz und schmerzlos mit, dass er seine Frau rausgeworfen habe und jetzt wieder frei sei. Ich musste schlucken. Ich wusste nicht genau, was ich mit dieser Nachricht anfangen sollte.
Ich hatte Mitgefühl für ihn, weil seine Beziehung gescheitert war.
Ich war erleichtert für ihn, weil diese Beziehung für keinen der beiden mehr funktionierte.
Ich war traurig für uns, weil es jetzt einfach zu spät war.
Und ich fühlte mich schlecht, weil ich ihm sagen musste, dass es zu spät war. Dass ich frisch verliebt bin – in den Göttergatten und Leif. Ich musste ihm das Herz brechen, obwohl er gerade jetzt Liebe gebraucht hätte und dabei brach auch ein kleines Stück von meinem mit.
Ich hätte am liebsten eine automatische Abwesenheitsnotiz verschickt: „Vielen Dank für Ihr Interesse. Leider habe ich meine emotionale, sexuelle und dramatische Auslastungsquote erreicht. Bitte versuchen Sie es im nächsten Jahr wieder.“ Ich war ihm nichts schuldig außer Ehrlichkeit, also brachte ich es einfach hinter mich, allerdings mit Worten und nicht mit einem kontextlosen Bild.
Ich hatte mich eigentlich für „Polyamorie für Anfänger“ eingeschrieben – aber irgendwer hat mich heimlich in „Polydrama für Fortgeschrittene“ umgebucht.




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