37 - Holy Poly
- 30. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Das Leben hat schon einen lustigen Sinn für Ironie. Ich mache gerade einen PR-Kurs, um endlich professionell Journalisten zu nerven. Mit dem neuen Wissen pimpe ich mein Tinderprofil – und – zack! – ein paar Tage später habe ich ein Date mit einem polyamoren Typen, den ich noch nie gesehen habe, aber trotzdem in mein Haus lasse. Der Göttergatte ist stolz – und entsetzt auf einmal. Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein großer Schritt für eine leicht paranoide Frau. PR-Erfolg: Null. Datingbilanz: extrem vielversprechend.
Aber der Reihe nach: Keine 24 Stunden nach meinem Update, hatte ich ein Match mit einem Herrn, der all meine Wünsche – zumindest auf dem Papier – erfüllte. Er lebt in mehreren Beziehungen gleichzeitig und kam sogar mit einem nicht geforderten Extra, das ich sehr sexy finde: lange Haare. Das hatte ich noch nie, hätte ich aber immer gerne gehabt. Doch bei meiner ohnehin schon beachtlichen Anspruchsliste kam mir das als Kriterium dann wirklich überflüssig vor.
Es folgten drei Tage intensiven Schreibens – mit einer Offenheit, wie ich sie sonst nur von Frauen nach zwei Gläsern Wein oder Männern kurz vor dem Nervenzusammenbruch kenne. Ich konnte fragen, was ich wollte, und erhielt eine umfassende Antwort, bestehend aus mehreren Sätzen oder minutenlangen Sprachnachrichten. Minutenlange Sprachnachrichten – das männliche Äquivalent zu einem Liebesbrief mit optionaler Atemgeräuschspur. Der Typ war mir sofort zutiefst sympathisch. Erwähnt wurden nicht nur schmeichelhafte Aspekte seines Lebens, sondern auch all jene, die wehtaten und ihn nicht immer im besten Licht zeigten. Das war authentisch, das war verführerisch – und ausnahmsweise fand ich mal nichts verdächtig daran. Da der Gemahl außer Haus war, hatten wir sogar die Gelegenheit zu einem nächtlichen Telefonat. Was soll ich sagen? Es ist verdammt lange her, dass ich mit einem Fremden nachts zwei Stunden telefoniert habe. Und da wir beide ohnehin schon nackt im Bett lagen, als wir miteinander sprachen, können Sie sich vorstellen, dass es ein sehr intimes Gespräch war. Ich hatte noch nie zuvor Telefonsex auf Englisch, aber meine Vokabelliste taugte dafür auf jeden Fall mehr als für faire l’amour auf Französisch.
Dieses nächtliche Tête-à-tête war nur das Vorspiel für unser erstes Date, drei Tage später – bei mir. Ich war aufgeregter, als müsste ich nackt einen TED-Talk über Polyamorie als Beitrag zum Weltfrieden halten – vor Vertretern der Rüstungsindustrie. Als er endlich vor meiner Tür stand, zitterten meine Beine so entsetzlich, dass er mich festhalten musste – und wir uns dann sicherheitshalber schnell hingelegt haben, wegen akuter Verletzungsgefahr. Meine Beine streikten, mein Herz sprang Trampolin, und meine Libido lehnte lasziv im transparenten Negligé im Türrahmen – bereit zum Sprung in die Federn.
Mein vorgesehenes Zeitfenster war von 11 bis 17 Uhr, und ich hatte nicht erwartet, dass er es ausschöpfen würde – aber das hat er. Wir haben sogar um eine halbe Stunde überzogen, weil uns um 16:30 Uhr einfiel, dass wir bisher nicht zu Mittag gegessen hatten. Leider gibt es in unserem Schlafzimmer keine Minibar mit Snacks – ein Konzept, das dringend überdacht werden sollte. Chloé würde das mit Sicherheit befürworten. Dies ist ein Mann, bei dem es sofort geklickt hat. Abgesehen von meinen unkooperativen Beinen hat sich an diesem Date nichts angefühlt wie ein erstes Date. Da war so viel Nähe, Intimität und Ohhhhhhhh. Selbst das inzwischen fest zum Repertoire gehörende Squirten war zur Abwechslung mal erregend, statt zum Aufregen.
Was lernen wir daraus? Frau muss nur wissen, was sie will – und hoffen, dass die Tinderwischer es nicht für einen Witz halten. Aber falls doch: nächstes Mal einfach LinkedIn. Mit der neuen Pressemitteilung.




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