38 - Ein Kuss, zwei Wahrheiten
- 7. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Wie jedes Paar haben auch mein Mann und ich diese eine Geschichte – die, die man erzählt, wenn jemand fragt, wie alles anfing. Sie ist witzig, romantisch – und hat sogar ein Happy End. Sie wollen sie jetzt auch hören? Nun gut. Wir haben uns 2009, wie so viele Paare unserer Generation, im Internet kennengelernt. Mein Mann wollte schon mal ein paar Kontakte für seinen Praktikumsaufenthalt in Deutschland knüpfen. In den acht Wochen bis zu seinem Umzug war ich seinem Charme und Witz schon völlig erlegen. Als er mir seine Adresse nannte, googelte ich die Straße. Ich bekam Schnappatmung, Herzflattern – und leichte Paranoia. Der Typ zog doch tatsächlich in die Parallelstraße! Ich fühlte mich wie in einem Film – nur war ich mir bislang nicht sicher, ob es eine romantische Komödie oder eine Neuauflage des Kettensägenmassakers werden würde.
Als er in Deutschland ankam, war ich – mit Herzchen in den Augen – gerade mit der besten Freundin der Welt im Urlaub. Er hatte es so eilig, mich endlich zu treffen, dass er nicht einen Tag länger warten und mich unbedingt bei meiner Rückkehr vom Bahnhof abholen wollte. Nicht gerade meine Traumvorstellung eines ersten Treffens. Aber er war nicht davon abzubringen, und so fuhr ich neun Stunden mit der Deutschen Bahn, in pinken Stilettos, einem kleinen Schwarzen, 25 Kilo Handgepäck und einem dezenten Schweißfilm vom Koffersprint beim Umsteigen. Mit Blasen an den Füßen und Schmetterlingen im Bauch war ich bereit für alles – außer den Einen zu treffen. Soweit sind mein Mann und ich uns in der Erzählung einig. Was danach geschah, hing bis jetzt davon ab, wer von uns beiden die Geschichte erzählte:
Meine Version: Er fuhr mich nach Hause und küsste mich vor meiner Tür – was Franzosen eben tun.
Seine Version: Ich stand da, schaute ihn mit erwartungsvollen Augen an, spitzte meine Lippen und habe ihn einfach geküsst – weil keine Frau mit funktionierender Libido und romantischen Restfantasien einem Franzosen mit Akzent, bernsteinfarbenen Augen, sowie einem Lächeln wie Crème brûlée widerstehen kann.
Tja, und als ich zum ersten Mal neben Leif, dem Mann mit den langen Haaren, lag und er zu mir sagte: „Ich war so hin und weg, als du mich plötzlich geküsst hast“, da habe ich doch tatsächlich gesagt: „Sag das bloß nicht meinem Mann – sonst denkt er, er hat seit über anderthalb Dekaden recht.“ Ein kurzer Faktencheck in meinem Kopf ergab allerdings: Der Göttergatte könnte recht haben. Denn bei fast allen Dates der letzten Monate, bei denen es zu Lippenkontakt gekommen war, kam er von mir aus. Schließlich sagt ein Kuss mehr als tausend Worte – und ich wollte immer sofort wissen, ob das hier passen könnte – oder ob ich lieber gleich nach Hause gehe, um meinen Ehemann zu küssen.
Beim Rest der Geschichte sind wir uns dann wieder einig: Ich habe zwei Wochen „hard to get“ gespielt, weil ich mir sicher war, er würde nach sechs Monaten zurück nach Frankreich gehen und mir das Herz brechen. Wegen dieser kleinen Wartezeit bekomme ich auch 15 Jahre später selten Blumen – denn damals landete ein Strauß für mich im Müll, weil ich abgesagt hatte. Dann hat meine allerbeste Freundin mich geschubst, mit der Bemerkung: „Ich solle nicht meine Angst, sondern mein Herz entscheiden lassen.“ Unser erstes romantisches Date? Rentenkasse, Krankenkasse, Sparkasse – die heilige Dreifaltigkeit der deutschen Bürokratie. Damit hatte unsere Beziehung den Stresstest bestanden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Zwei Wochen später ist er bei mir eingezogen – und hat mich anderthalb Jahre später „exportiert“, wie er gerne sagt. Und sie lebten glücklich und zufrieden – bis sie ihr Ehebett und ihre Herzen öffneten. Dann wurden sie noch glücklicher und befriedigter, weil sie begriffen: Das Happy End war nur der Anfang.




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