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42 - Wie wir lieben

  • 4. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Dem einen springt bei den Worten „Ich liebe dich“ fast das Herz aus der Brust, während andere schnell ihre Turnschuhe zubinden, um Reißaus zu nehmen. Zu welchem der beiden Typen gehören Sie? 


Ich gehöre eher zur zweiten Sorte: Wenn ich merke, dass mir Menschen zu nahekommen, verschwinde ich lieber, bevor sie aus Liebe meine Freiheit beschneiden. So erging es damals auch meinem Mann, als ich nach unserem ersten Date für zwei Wochen untergetaucht bin. Hätte mich meine bessere Hälfte nicht mit harten Worten und sanfter Gewalt in den Hafen der Ehe geschubst, hätte ich bestimmt noch viel länger die Luft anhalten können. Ich benötigte etwas Zeit, um bereit zu sein, mein bisheriges Leben aufzugeben und mit ihm ein neues Leben aufzubauen. Das war natürlich lächerlich, denn ich wusste längst, wie unendlich ich in diesen charmanten Franzosen verliebt war. Ich verliebe mich nicht oft, aber wenn, dann weiß ich es sofort. So war es bei meinem Mann – und bei den wenigen Lieben davor. Ich spüre augenblicklich eine Verbindung zu dem anderen. Mir passiert Liebe einfach.


Bei meinem Mann ist das ganz anders: Ihm passiert Liebe nicht – er entscheidet sich für die Liebe. Er hat sich bewusst für mich entschieden. Nicht hormongetrieben, mit dem Gedanken „Das ist die Frau meines Lebens“, sondern in klarem Bewusstsein: Er wollte sein Leben mit mir verbringen. So romantisch ich das finde – irgendwie klingt es auch, als hätte er ein solides Excel-Sheet mit Pro- und Contra-Spalten geführt. Aber ich will mich nicht beschweren, offensichtlich stimmte ja die Formel.


Das Spannende an unserer offenen Ehe ist, dass man plötzlich anderen Menschen und ihren Vorstellungen von Liebe nahekommt. Giovanni fragt sich tatsächlich, ob er je geliebt hat – etwas, das mich zutiefst berührt und schockiert hat. Wie kann man über zwei Drittel seines Lebens gelebt haben, ohne je wirklich zu lieben? Chloé reserviert Liebe nur für ihren Mann. Da die zwei Sexualität outgesourct haben, bildet dieses Gefühl das tragende Fundament ihrer Partnerschaft. Ihre Zuneigung gegenüber anderen Partnern zeigt sich in Fürsorge – etwa durch Verpflegung und aufwendig choreografierte Paarungsakte. 


Dass ich polyamor bin, weiß ich seit mindestens zwei Jahrzehnten. Lange hatte ich kein Wort dafür. Und als ich es kannte, bezogen sich diese Gefühle auf Menschen, mit denen ich bereits liiert war – auch wenn unsere Beziehungen trotz tiefer Gefühle scheiterten. Mit Leif ist das plötzlich ganz anders. Vom ersten Kuss an spürte ich eine tiefe Verbindung, die viel tiefer ging als die Gürtellinie. Sie wissen ja, sie reichte mindestens bis zu den Zehen.

Ein Gefühl, das mich überwältigte und das ich nicht in Worte zu fassen wagte. Ich musste es auch nicht. Denn schon während unseres ersten Dates sah Leif mir in die Augen, umschloss mein Gesicht mit seinen großen Händen und sagte: „Ich liebe dich.“ Unter normalen Umständen wäre ich bis zum Meeresgrund getaucht und hätte mich in einem leerstehenden U-Boot verbarrikadiert. Doch zum ersten Mal in meinem Leben machten mir diese Worte keine Angst. Denn er liebte mich „nur“. Er wollte mir nicht meine Freiheit nehmen, mich nicht in eine Form pressen, nicht in einen Käfig sperren oder mein Leben verändern. Er wollte einfach nur ein Teil davon sein und mich begleiten. Das war ein so neues, so befreiendes Gefühl, dass ich nicht weglaufen musste – dass ich es wirklich zulassen konnte. Einfach so. Völlig untypisch.


Und diese neue Liebe lässt meine Liebe zu meinem Göttergatten ins Unermessliche wachsen. Ich bin ihm von Herzen dankbar, dass ich das zulassen darf: Dass neben meiner Liebe zu ihm eine neue Liebe entstehen darf.

Einfach so – und ohne unserer Liebe etwas zu nehmen. Sie kommt einfach dazu – wie ein exzellenter Wein zum Abendessen: macht nichts kaputt, nur komplexer, voller – und veredelt die Aromen der Liebe.

 
 
 

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