45 - Mit deinen Augen
- 25. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Unser ohnehin schon paradiesischer Garten mutiert im Sommer zum Garten Eden, in dem sich Adams und Evas vergnügen. Hier flüstern die Schlangen auch verlockende Versuchungen – aber wer ihnen nachgibt, wird nicht verbannt, sondern kommt nächste Woche einfach wieder.
Ich genieße Sonne und Liebe auf meiner Haut im Grünen – doch mit zehn Wochen Sommerferien ist das gar nicht so leicht zu organisieren. Schließlich können wir in unsere ohnehin komplexe Date-Logistik nicht auch noch den Wetterbericht integrieren. Beim letzten Treffen mit Leif war die Sonne auf unserer Seite. Wir verbrachten viel Zeit im Pool, der vermutlich aus Sicherheitsgründen – oder aus purer Homeoffice-Langeweile – regelmäßig von den Nachbarn überwacht wurde. Später auf der uneinsehbaren Terrasse war ich nicht nur deshalb feucht, weil ich gerade aus dem Wasser kam.
Ich kenne Leif seit sechs Wochen. Er lebt auf dem Land in einem kleinen Haus, ist viel draußen und produziert Biogemüse. Wenn ich Ihnen das erzähle und Sie wissen, dass er lange Haare hat, die ich sehr mag, dann haben Sie vermutlich ein ähnliches Bild vor Augen wie ich: einen robusten, sexy Outdoor-Typen. So ein Mann, bei dem man erwartet, dass er mit bloßen Händen ein Haus bauen kann, im Wald Feuer macht, indem er einfach nur besonders intensiv guckt, oder den Schrei des Wildschweins nachahmen kann, wenn er Hunger hat. Und genauso nehme ich ihn auch wahr. Umso überraschter war ich, als er mir nach unserem Tag im Paradies sagte, dass er noch nie draußen Sex hatte oder im Wasser so intim mit jemandem war. Das konnte ich kaum glauben. Ich hatte insgeheim gedacht, draußen endlich Sex haben zu können, sei für ihn ein Grund gewesen, die Hauptstadt zu verlassen. Man tauscht Paris gegen Paradies. Aber ohne blickdichten Zaun kann man natürlich deutlich weniger ungeniert Sex auf der Terrasse haben, während die Nachbarn fünf Meter daneben Mittag essen. Bei den einen stehen Hühnerschenkel auf dem Mittagstisch – bei den anderen meine.
Doch mein Bild von ihm beruht nur auf dem Splitter seines Lebens, den ich kenne – den letzten sechs Wochen. Dass er bis vor drei Jahren ein auf Schlafzimmer-Sex spezialisierter Pariser war, hatte ich einfach nicht einkalkuliert. Umgekehrt fasziniert es mich, wenn er von mir als Schriftstellerin spricht. Ja, ich schreibe – wie Sie ja merken, falls Sie gerade wirklich lesen und nicht nur die Sexstellen suchen. Aber ich habe bisher nicht den Mut gehabt, mich selbst so zu bezeichnen. Für ihn ist das unverständlich, denn Schreiben ist für mich ganz offensichtlich keine Option, sondern Überlebensstrategie.
Andere Menschen nah an uns heranzulassen, bedeutet auch, uns selbst neu sehen zu dürfen. Sie halten uns Bilder vor, die unser Selbstbild auffrischen und nachjustieren. Es erfüllt mich, dass Leif mich als Schriftstellerin sieht. Es hilft mir, mich auch selbst als solche zu erkennen. Neue Partner sehen Dinge an uns anders als Augen, die mit uns mitgewachsen sind. Was für den einen nur der Auftakt zu den Wechseljahren ist, ist für den anderen der Kern deines Selbst. Irgendwo zwischen diesen zwei Bildern fließt mein Ich hin und her.
Manchmal sehe ich mich in Leifs Blick klarer, weil er nichts von dem spiegelt, wovor ich mich so gern verstecke. Er liest mich wie ein Buch, das ich selbst erst zu schreiben beginne. Ohne Vorwort. Ohne Klappentext. Ohne Spoiler. Zeile für Zeile, während ich sie schreibe.




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