top of page

47 - Endlich verstehe ich Aurelie

  • 9. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Vorteile hat eine offene Ehe viele. Einer davon ist zum Beispiel, dass man auch nachts noch jemanden zum Quatschen findet, wenn man aus Versehen einen Triple-Espresso um 19 Uhr trinkt – obwohl man schon von grünem Tee nach 18 Uhr abgeht wie ein Flughörnchen mit Zuckerschock.

Doch als um zwei Uhr auch der letzte Mann im Bett war, ich schon dreimal gewichst hatte und weiterhin nicht einschlafen konnte, war ich verzweifelt und gelangweilt.


Da half nur noch eins: Tinder!


Also lag ich im Gästezimmer meiner Eltern und wischte mich so durch die heimische Männerwelt. Dabei kam ich zu zwei Erkenntnissen:

Erstens: Es gab hier viel mehr Polymenschen als bei uns.

Zweitens: Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr auf Deutsch gedatet.

Nachdem ich eine Woche Ferienbespaßung übernommen und ohne den Göttergatten in meiner Heimatstadt ausgehalten hatte, kam mir ein Date wie die perfekte Belohnung vor. Andere Frauen gönnen sich Wellness oder neue Schuhe – aber mein Mann sagt, ich habe schon genug. Also gönnte ich mir emotionale Verwirrung mit Fremden aus dem Internet.


Tatsächlich ließ sich das schnell organisieren – mit einem Typ, der den Göttergatten zum Lachen gebracht hätte. Er war blond, hatte längeres Haar als der Gemahl (aktuelle Haarlänge: 2 mm – also mehr Bart als Frisur) und blaue Augen.


Ja, okay – er war klischeehaft deutsch und kam auch noch aus einer Militärfamilie.

Trotz seines preußischen Auftretens war er poly und verfügbar – das reichte für einen Abend. Und dafür, dass ich mich wieder wie ein Teenager fühlte, weil ich meine Eltern wegen eines Dates anlog.


Typisch deutsch war er zu früh da – aber ich war ausnahmsweise mal pünktlich, da ich schneller als erwartet einen Parkplatz gefunden hatte. Die Zeit verging wie im Flug. Wir sprachen über offene Beziehungen und unsere sehr unterschiedlichen Leben. Zu meiner Verblüffung war er seit acht Jahren in einer offenen Beziehung – und hatte bisher nicht einen einzigen HIV-Test gemacht.

Er wiederum war von unseren Sicherheitsmaßnahmen überrascht, die deutscher kaum hätten sein können – es sei denn, unsere Partner müssten den Sex vorher mit einem Formular beantragen.


Restlos erstaunt war ich, als er mich – wie ich fand, vollkommen kontextlos – fragte, ob ich noch mit zu ihm kommen wolle.


Mein Hirn rekapitulierte die letzten 90 Minuten:

Kein Schlafzimmerblick.

Keine Komplimente.

Kein Körperkontakt.

Wo war das Vorspiel?!

Hatten wir was übersprungen? Datet man so in Deutschland?


Mir kam eine Liedzeile von Wir sind Helden in den Kopf:

„Aurélie, so klappt das nie. Du erwartest viel zu viel. Die Deutschen flirten sehr subtil.“

Oh Mann, das stimmt wirklich – und das ist ein wenig traurig.


Was lerne ich daraus?

Ich verzichte beim Date lieber auf meine Sprache als auf Temperament.

Eigentlich hätten mich meine fließenden Deutschkenntnisse vor dem unerwarteten Ende der Nacht bewahren müssen.


Hatten sie aber nicht.


Da ich in meinem Drang, pünktlich zu sein, das Schild am Eingang der Tiefgarage nicht gelesen hatte. Das Tor öffnete sich erst um 9 Uhr wieder.

Damit endete das Date für mich und den preußischen Soldaten gleich:


Keiner kam rein.


Der Göttergatte war so amüsiert, dass ich durch das Telefon hören konnte, wie sein Grinsen den Akku erwärmte.

Sein Rat:

Such dir im Taxi schon mal eine gute Erklärung für deine Eltern.


Am nächsten Morgen habe ich ihnen die sehr verantwortungsbewusste Ausrede aufgetischt, dass ich mich nach einem Cocktail so komisch gefühlt hätte, dass mein bester Freund mich sicherheitshalber nach Hause gefahren hat.

Sie hätten mir zwar keinen Hausarrest mehr geben können – aber für einen Vortrag darüber, wer, wann und wo reinfahren darf, mit pädagogischem Zeigefinger, hätte es bestimmt gereicht.


 
 
 

Kommentare


© 2025 by Frau Mustermann Powered and secured by Wix

bottom of page