56 - Wie Latex alles zum Platzen brachte
Die Tage meines Mannes begannen neuerdings nicht mehr mit meinem morgendlichen Schweigen, sondern mit siebenminütigen Sprachnachrichten von Monique. Der menschgewordene morgendliche Erguss im Audioformat. Da wäre mein Tag ja schon im Arsch, bevor er überhaupt angefangen hätte.
Zum Glück redete sie nicht mit mir, sondern mit ihm.
In den vergangenen Wochen hatte sich zwischen den beiden etwas entwickelt, ganz frei vom hormonellen Druck – vielmehr eine emotionale und mentale Bindung. Ich konnte dem Göttergatten ansehen, wie sehr er dieses Gefühl genoss, von einer anderen Frau gesehen zu werden.
Ich war verblüfft darüber, wie die zwei eine Verbindung herstellten – ganz ohne Sex. Etwas, das ich mir so gar nicht vorstellen konnte – und gerade deshalb besonders neugierig verfolgte. Generell war diese Frau so spannend, dass ich es schön fand, sie in unserem Leben zu wissen. Sie erzählte dem Göttergatten, dass sie am Wochenende auf eine sogenannte Liquid-Love-Party gehe und ganz aufgeregt sei. Am liebsten würde sie ihn mitnehmen.
Falls Sie jetzt nicht wissen, was eine Liquid-Love-Party ist – machen Sie sich keine Sorgen. Ich wusste es auch nicht – und ließ mich erst mal aufklären. Bei einer solchen Party haben die nackten Teilnehmer verbundene Augen und rutschen aneinander und übereinander auf einem gut geölten Latexlaken hin und her – eine Mischung aus Tantra, Twister und Technoparty im Dunkeln. Je nach vorheriger Absprache ist das Berühren der Genitalien erlaubt – oder eben nicht. Was für mich wie der Berufsverkehr in der Pariser Metro – nur nackt und ohne Handys – klingt, war für Monique das pure sexuelle Abenteuer.
Der Göttergatte war froh, dass es sich um eine geschlossene Veranstaltung handelte – und er Monique nicht zum ersten Mal nackt auf einem Latexlaken mit einem Dutzend anderer Menschen begegnete. Oder auch nicht – schließlich hat man keine Ahnung, an wem genau man da so entlangrutscht.
Tja, und als sie am nächsten Tag davon erzählte, spürte der Göttergatte sofort, dass etwas in Schieflage geraten war. Tatsächlich hatte sich Monique – nackt und geölt – Hals über Kopf in einen Typen von der Party verschossen. Am Montagmorgen stellte sie fest, dass sie doch nicht so poly ist, wie sie dachte – maximal Pol(y)-Lite.
Ihr Mann.
Mein Mann.
Der Latexkuschler.
Drei Männer waren dann doch einer zu viel. Für Monique war das eine Erkenntnis. Für den Göttergatten wurde daraus Liebeskummer.
Die beiden trafen sich wie geplant zu ihrem Hängemattendate im Wald – und als mein Mann die Distanz zwischen ihnen spürte, ließ er sie dort hängen und ging. Sein Herz war dabei allerdings so schwer, dass ihn tatsächlich ein anderer Wanderer im Wald ansprach – und ihn mit tröstenden Worten bis zum Auto begleitete, damit er nicht neben seinen Gefühlen auch noch im Wald verloren ging.
Das ist männliche Solidarität in ihrer schönsten Form.
Und dann war er zu Hause – mit gebrochenem Ego, schwerem Herzen und nicht mehr Anfang zwanzig – wo man sich einfach mit einem Kasten Bier im Wohnheim einschließt und eine Woche lang wartet. Stattdessen war er bei seiner Tochter, seiner Frau und seinem Job – und sollte funktionieren.
Da Bier in der Mittagspause keine Option war, blieb immerhin noch Matratzengymnastik mit Chloe und Nele – therapeutisch wirksam, rezeptfrei, mit gelegentlicher Nebenwirkung: Hoffnung. Das brachte nicht nur das Ego wieder hoch – sondern auch die Erkenntnis, dass Herz und Körper manchmal in gänzlich unterschiedlichen Beziehungskonzepten leben – und dass Beziehungen nicht perfekt sein müssen, um gut zu tun.




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