61 - Wenn Poly kein Experiment mehr, sondern Realität ist
Ich hatte es letztes Mal schon angedeutet: Unser verpatzt-passgenaues Wochenende hatte noch eine Komplikation. Alles, was ich wollte, waren drei ungestörte Tage mit Leif.
Das Kind war versorgt, der Göttergatte irgendwie auch – bis plötzlich nicht mehr. Seine Schwester fiel am Samstagmorgen aus. Er wollte tatsächlich nach Hause kommen. In unser Haus. In das Haus, das für genau dieses Wochenende eigentlich zweckentfremdet war.
Wir hatten diese Möglichkeit vorher diskutiert, und ich hatte darum gebeten, dass er die drei Stunden bis zu unserer Abfahrt bitte in der Kletterhalle verbringen möge. Oder Freunde besuchen. Oder irgendetwas tun, das nicht „vorzeitig heimkommen“ heißt. Schließlich hatte ich im letzten Jahr dutzende Male genau das getan – damit er ungestörte sexy time haben konnte. Aber es ging partout kein Weg hinein. Und ich verstand nicht, warum. In der Retrospektive muss ich zugeben: Ich habe mir auch nicht wirklich die Zeit genommen, es herauszufinden.
Also Plan B: Wir essen alle zusammen Mittag. Die Männer kannten sich ja bereits. Was konnte schon schiefgehen, wenn sie mit Messern bewaffnet am Tisch sitzen? Antwort: Gefühle. Diese Dinger, die einem die komplette Logik ruinieren. Wie Kalorien, die heimlich nachts kommen und die Klamotten enger nähen.
Es war für den Göttergatten völlig okay gewesen, Leif irgendwo mit mir zu treffen. Was er allerdings deutlich weniger mochte, war, in sein Haus zurückzukommen – und sich dort plötzlich wie ein Gast zu fühlen. Die Stimmung zwischen den beiden war verkrampft. Und ich spürte, wie unwohl er sich fühlte, konnte an der Situation aber spontan nichts ändern.
Am Sonntagabend, als wir gemeinsam in der Wanne saßen – der blubbernden, universellen Wahrheitsmaschine unserer Beziehung , konnte er endlich aussprechen, was ich zwischen den Zeilen nicht verstanden hatte: Nur weil es für mich in Ordnung ist, ihm das Haus zum Vögeln zu überlassen, sowie zum anschließenden architektonisch anspruchsvollen Beziehungsmanagement, heißt das noch lange nicht, dass es für ihn so ist. Doch genau davon war ich ausgegangen. Mein innerer Monolog: Ich habe das zigmal für dich gemacht – jetzt kannst du das doch auch einmal für mich machen. Da ist sie wieder, die offensichtlich noch nicht verinnerlichte Lektion: Man sollte niemals von sich selbst auf den anderen schließen. Das gilt für Ärsche genauso wie für Gefühle.
In offenen Beziehungen geht es nicht nur um Rationalität, Regeln und Logistik. Es geht darum, wie sich Dinge anfühlen. Und dieses Gefühl hier war für den Göttergatten kein gutes. Nicht, weil er mir etwas nicht gönnte – sondern weil er selbst plötzlich verunsichert war. Er hatte gerade erst das Desaster mit Monique verdaut, und nun drohte auch die Sache mit Chloé endgültig auseinanderzubrechen. In diesem Moment wurde ihm klar:
Das hier ist kein Experiment mehr.
Keine Phase.
Keine aufregende Ausnahme.
Das ist unsere neue Realität.
Und es gibt keinen Weg zurück in eine monogame Beziehung.
Nicht für ihn.
Nicht für mich.
Mit feuchten Augen sah er mich an und sagte: „Du bist so schön, wenn du poly bist. Das kann ich dir nicht mehr wegnehmen.“ Ich sah, wie viel Mut ihn dieser Satz kostete – und wie viel Angst darin mitschwang. Poly ist für den Göttergatten wie die Entdeckung von Teflon: Es war nicht geplant, aber jetzt ist es da. Hitzebeständig, unkaputtbar und schwer wieder loszuwerden.
Doch was, wenn eine Person poly ist – und die andere nicht?
Darauf kann ich Ihnen jetzt noch keine endgültige Antwort geben. Aber wenn ich im letzten Jahr etwas gelernt habe, dann das hier: Wir finden es heraus. Gemeinsam. Wir haben bereits meinen Platz gefunden. Wir werden auch seinen finden.
Nicht jede Träne, jeder Zweifel und jede Verletzlichkeit ist ein Rückschritt. Manchmal ist es einfach der Beweis, dass wir nicht nur existieren, sondern leben. Denn nur, wenn wir verwundbar sind, können wir uns – und anderen – wirklich nahe sein.




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