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59 - Willst du mich heiraten – oder lieber teilen?

1. Okt.
3 Min. Lesezeit

Wenn ich Sie jetzt fragen würde: Was war der schönste Tag Ihres Lebens? – wie viele würden wohl sagen: „Unsere Hochzeit“?

Und ganz ehrlich: Bei dem, was so ein Tag kostet, wäre das wohl das Mindeste, worauf man hoffen darf. 

Darf ich fragen: Wer hat bei Ihnen den Antrag gemacht? 

Ich wette: In über drei Vierteln der Fälle war’s der Mann mit Ring, und wenn er noch beweglich genug war, Kniebeuge. Und sie sagt: Ja. Keine große Überraschung. Disney und ein bisschen Religion haben ganze Generationen auf das Konzept „Einmal retten, für immer binden“ trainiert.


Bei uns war’s ähnlich. Er hat gefragt – nachdem wir längst beschlossen hatten, zu heiraten. Es war eine Formalie – aber ich wollte trotzdem gefragt werden. Wenn ich schon für Wohnrecht und Steuerklasse unterschreibe, darf’s vorher wenigstens mal ordentlich glitzern.


Zwei Buchstaben – und zack, aus einem freien Mann wird mein Mann. Aus einer freien Frau: seine Frau. So einfach geht Besitzrecht light. Als ob Liebe und Freiheit sich gegenseitig ausschließen würden. Und genau da liegt das Problem.

Wir sagen ständig:

mein Mann,

meine Frau,

mein Kind.

Klingt nach Familienalbum – ist aber oft Besitzstandswahrung mit Kuschelfaktor.


Ich gehöre niemandem.

Nicht meinem Mann, nicht unserer Tochter, nicht meinem Lover.

Ich gehöre nur mir.


Heute kann ich das so klar sagen – aber es gab Jahre, in denen ich mich selbst verloren hatte. Nicht, weil der Göttergatte mich je wie Eigentum behandelt hätte. Sondern, weil ich das Gefühl hatte, alle anderen täten es.

Die Frau von...

Die Mutter von...

Die Tochter von...

Die Kollegin von...

In all diesen Rollen habe ich irgendwann das Original nicht mehr gefunden. Ich glaube: Frauen verlieren sich schneller – in Erwartungen, Verantwortung, To-do-Listen, Thermomix-Rezepten und Care-Arbeit.


Und Männer? Die bekommen selten Gelegenheiten, sich jenseits des klassischen Männlichkeitsbilds zu definieren. Der Glaube, der Fels in der Brandung sein zu müssen – sitzt oft tiefer als der Schlauch bei der letzten Darmspiegelung. Und genauso ungern redet man(n) darüber. Was ich am Göttergatten von Anfang an geliebt habe: Sein Verständnis von Männlichkeit hing nie davon ab, ob ich gerade in High Heels in der Küche stand – oder mit dem Schlagbohrer im Garten wütete. Ein seltenes Exemplar, ich weiß – und ich weiß es zu schätzen.


Doch den „starken Mann“ haben wir in offenen Beziehungen nie gesehen. Als wir uns all die Menschen und ihre Partnerschaften angeschaut haben, die uns im vergangenen Jahr begegnet sind, haben wir zwar keine statistisch belastbare, aber eine verdammt verblüffende Feststellung gemacht: Wir haben kein einziges Paar getroffen, bei dem er die Öffnung vorgeschlagen hat.

Es waren immer die Frauen.

Uns eingeschlossen.


Er fragt bei Sonnenuntergang mit Ring: Willst du mich heiraten?

Sie fragt bei grellem Küchenlicht mit Kalender: Willst du mich sexuell und emotional teilen – Dienstag oder Freitag, zwischen Elternabend und Zahnarzttermin?

Zum Thema „Erstreaktion auf Mitnutzung“ hätte ich gern mal ein Balkendiagramm gesehen – mit Balkenhöhe, Nervositätsquote, Fluchtreflex-Skala und der spontanen Google-Suchanfrage. Die emotionale Latte liegt bei dieser Frage vermutlich so tief, dass man mit dem Knie dran stößt.


Denn er hörte: Ich will mehr Männer.

Was ich meinte – und erst Monate später selbst richtig verstanden habe – war: Ich will mehr Ich. Ich will wieder ich sein dürfen – auch wenn wir ein Wir sind.

Warum sind es so oft die Frauen, die Freiheit fordern – und die Männer, die nach Bindung fragen? Ich weiß es nicht. Falls Sie dazu eine Dissertation geschrieben haben – bitte schicken Sie sie mir. Ich hätte da eine persönliche Wissenslücke zu schließen. Der Göttergatte meint: Frauen haben einfach mehr Gelegenheit. Ich glaube: Viele Frauen fühlen sich in ihren Rollen gesehen – aber nicht als Person.

Und Männer wollen oft emotionales Risiko vermeiden.


Aber offene Beziehungen funktionieren weder nach Plan noch nach Kalender. Sie sind Anarchie der Gefühle. Improtheater mit wechselnder Besetzung, ohne Skript und ohne Kostüme – wo gelegentlich nackt Gefühle getanzt werden.

Vielleicht war die eigentliche Frage nie: „Willst du mich teilen?“

Sondern: „Kannst du aushalten, dass ich wieder mehr ich selbst werde?


Die gute Nachricht? Wer sich traut, offen zu lieben, bekommt keine Sicherheit.

Keine Besitzurkunde. Kein Happy End-Garantieversprechen.

Aber er bekommt etwas Besseres: Liebe in Echtzeit.

Begegnung auf Augenhöhe.

Und im Idealfall einen Partner, der sagt: Du bist du – und ich liebe dich genau dafür.

 
 
 

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