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60 - Von verpatzt zu passgenau

8. Okt.
3 Min. Lesezeit


Frau macht einen Plan von langer Hand, ist stolz wie Bolle auf sich, weil sie es geschafft hat, drei Tage und zwei Nächte mit dem Partner freizuschaufeln, ohne dass es beim Nachwuchs verdächtige Fragen auslöst, warum man eigentlich so oft in den Baumarkt muss. Eines Tages glaubt das Kind noch, ich hätte dort ein Zweitleben. – Solch ein Quatsch!


Und dann kommt irgendein Furz des Schicksals daher, schüttelt meinen perfekt konstruierten Plan wie eine Schneekugel – einmal kräftig schwenken – und grinst dabei wie jemand, der schon jetzt weiß, dass das letzte Puzzleteil fehlt.

In so einem Fall hat man genau zwei Optionen:

in die Ecke stellen und heulen.

Oder kreativ werden.

Sie können sich denken, was bei mir zutraf.


Also begrüßte ich nicht, wie geplant, Leif am Freitagmorgen an der Tür – in einem Hauch von Nichts –, sondern fuhr zum ersten Mal zu ihm aufs Land, um ihn abzuholen – dorthin, wo sich Hase und Fuchs zur Guten Nacht küssen. Ich wollte eine nette Ehefrau sein und den Göttergatten nicht zum vierten Mal in derselben Woche ins Büro schicken. Und neugierig war ich ja ohnehin: auf sein Projekt, sein selbstgebautes Tiny Haus, sein Refugium.


Nach einem romantischen Mittagessen im Restaurant – wir beide bereits leicht erregt, weil wir uns urlaubsbedingt seit vier Wochen nicht gesehen hatten – mussten wir noch drei Stunden überbrücken, bevor wir endlich zu mir konnten. Wir beschlossen, das schöne Novemberwetter zu nutzen und die Natur zu genießen. Ich zeigte ihm verschiedene Wanderrunden, aber er entschied sich für einen Spaziergang. Also ließ ich meine goldenen Ballerinas zum Kleid an, statt in die mitgebrachten Wanderschuhe zu schlüpfen.

Er sah mich an, als hätte ich beschlossen, in High Heels den Jakobsweg zu laufen – zu Recht, wie sich später herausstellen sollte.


Wir liefen los, genossen die Nähe, die Stille und den Umstand, dass kein Mensch weit und breit zu sehen war. Es dauerte nicht lange, bis mein Kleid nicht mehr meinen Hintern bedeckte. Doch zu unserem persönlichen Entsetzen stellten wir fest, dass wir die Kondome im Auto liegen gelassen hatten – weil er meinen Rucksack trug statt seinen.

Verzweiflung.

Lust und Frust.

Gentlemanlike beschloss er, dass es reichen würde, wenn einer von uns leidet. Also verlagerte er seine Aufmerksamkeit kurzerhand vollständig auf mein Wohlbefinden. Dies tat er so gewissenhaft, dass ich meine Schuhwahl bald bitter bereute.

Nicht etwa, weil die Schuhe unbequem waren oder ich umgeknickt wäre – nein:


Ich habe mir in die goldenen Ballerinas gesquirtet.


Cinderella wäre stolz. Wahrscheinlich hat sie deshalb in Wahrheit den Schuh verloren. Komplett klitschnasse Füße. Mist. Über diese Schutzfunktion von Wanderschuhen hatte ich noch nie nachgedacht.

Leif war sichtbar amüsiert, auch wenn er sich den Kommentar „Siehst du?“ wohl nur aus Anstand verkniff. Den Rest des Spaziergangs wusste man nicht, was feuchter war – meine Füße, mein Schritt oder Leifs Finger.


Als der Göttergatte dann so weit war, das Haus für die Nacht zu räumen, durfte ich meine nassen Schuhe ausziehen. Zumindest bis zur nächsten Unterbrechung am Samstagmittag. Aber davon erzähle ich Ihnen das nächste Mal.


Den Abend darauf verbrachten wir in Paris – erst unter tausenden Selfiemachenden Touristinnen am Sacré-Cœur (Sakralbau trifft Influencer: ein unheiliges Zusammenspiel), dann bei einem Konzert von Tigran Hamasyan. Ein so intimer Moment, in dem ich Leifs Begeisterung für Musik körperlich fühlen konnte, während er mich zwei Stunden lang im Arm hielt.

Danach fuhren wir  in sein Haus am Waldrand. Ich war seine Chauffeuse, er mein DJ – und wir verbrachten unsere erste gemeinsame Nacht bei ihm.

Alles fühlte sich so richtig an.

So vertraut.

Als hätte ich endlich meinen Platz gefunden – in seinen Armen, in meinem eigenen Leben und in meinen inzwischen passgenau eingelaufenen Ballerinas.

 
 
 

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