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57 - Das Einhorn im Sandsturm

17. Sept.
3 Min. Lesezeit

Was machen Sie normalerweise an einem Samstagnachmittag?

Kinder zu Auswärtsspielen chauffieren, Altglas sortieren, versuchen, beim Wocheneinkauf nicht die Lebenslust zu verlieren?

Ich kenne das. Ich habe auch solche Samstage.


Aber dieser sah anders aus.

Der Göttergatte war im Chor-Bootcamp – und musste dort mit der Hängematten-Tantrameisterin singen. Es war wie Musicaltherapie für emotionales Restmülltrennen.

Leif feierte den Geburtstag des Vaters einer seiner Partnerinnen.

Was sofort wieder die Frage aufwirft: Wie nennt man ihn eigentlich?

Statt Schwiegervater-in-spe eher Schwiegervater-in-Latex? Also wegen des Kondoms – nicht, weil der Mann immer Latex trägt, aber was weiß ich – vielleicht hat er eine Samstags-Latex-Routine. Wer wäre ich, das zu kommentieren?


Ich jedenfalls hatte mir den Nachmittag eigentlich für Sie freigehalten – zum Schreiben, Nachdenken, Reflektieren. Aber manchmal ist es, als würde man einem Einhorn begegnen. Nein, nicht einem Typen im Park, der den Mantel aufreißt, um einem sein Horn zu zeigen, sondern einem Kuss von der Disponentinnen-Fee. Einer dieser seltenen, fast mystischen Momente, in denen das Polyfabelwesen vom Kalender-Olymp herabsteigt und sagt: „Ich habe da etwas freigeräumt.“ und ein magisches Zeitfenster sich auftut, damit zwei Menschen den Ritt auf seinem Horn genießen können. Schwamm drüber, dass ich mich am Morgen schon beim Beischlaf-Ballett mit dem Göttergatten verausgabt habe – wenn die Zeitfenstermagie ruft, zählt nicht der Erschöpfungsgrad, sondern die Gelegenheit. Chloe wäre stolz auf mich. 


Das einzige Hindernis war ungefähr 1,63m groß – und kam im Doppelpack. Unsere Tochter war zu Hause. Aber sie und ihre Freundin schickte ich kurzerhand aus dem Haus, mit dem Spruch: „So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit.“

Ich erwähne lieber nicht, dass wir Anfang November haben. Aber ich finde, wer sich um fremde Säcke kümmert, darf ein wenig vorweihnachtlich dichten. Sie wissen ja, ich lüge nicht gern unsere Tochter an, und da ist eben mal wieder ein Säckchen Wahrheit in dem, was ich gesagt habe. Die Mädels waren verwirrt, haben es aber hingenommen und sind ins Haus der Freundin gewackelt.


Und dann war es da: Ein Zeitfenster von knapp zwei Stunden, ein frisch bezogenes Bett und Amar, der statt auf einem Schimmel in weißer Karosserie angefahren kam. Es war Monate her, dass wir uns gesehen hatten.

Ich fand das bedauerlich.

Und hatte den Eindruck, dass er – trotz seiner neuerlichen Einschreibung im September – bewusst auf Distanz gegangen war. Was ich verstehen kann – ich bin nicht das, was er eigentlich sucht. Ich bin für ihn ein exotisches Einhorn, aber er will für seinen Stall eigentlich eine handelsübliche Stute.

Als er ausstieg, begann sein ganzes Gesicht zu strahlen, mit einem Lächeln, das kein Disney-Zeichner besser hinbekommen hätte. Und er umarmte und küsste mich, als wäre er zwei Jahre durch die Wüste gewandert. Vielleicht ist das heute das neue Single-Sein: Man sieht eine Fata Morgana nach der anderen – und verdurstet innerlich währenddessen.


Ich war völlig überrumpelt von all seinen Gefühlen, die wie ein Sandsturm über mich fegten – ohne Vorwarnung, ohne Wetter-App, ohne Schutzbrille, obwohl er so viel Distanz zwischen uns hatte entstehen lassen. Seine Hände, seine Lippen, seine Augen, sein gesamter Körper rief in diesem Augenblick etwas anderes, und ich glaubte ihm.

Ich schloss die Augen, schaltete den Kopf aus – denken konnte ich später – und ließ mich einfach mitreißen. Von seinem Durst nach Nähe.

Vielleicht ist Poly auch das: Dem Sandsturm die Tür öffnen – und jemandem Schutz und Liebe bieten, wenn er sie gerade braucht.

Ohne Vorwürfe.

Ohne Fragen.

Ohne alles verstehen zu müssen.


Vielleicht hat mich die Disponentinnen-Fee geküsst, damit ich Amar küsse, bevor er verdurstet.

 
 
 

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