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58 - Polyversary

24. Sept.
2 Min. Lesezeit

Happy first Polyversary to us!

Ein Jahr offene Ehe – ohne Scheidung, Einweisung, zerschlagenes Geschirr oder nächtlichen Polizeieinsatz – nur ein wenig Gefühles-Origami. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Eigentlich müsste ich eine Party schmeißen und all die Menschen einladen, mit denen wir im letzten Jahr im Bett, im Auto oder im Wald waren. Man stelle sich das Gesicht vor, wenn die Ehrengäste den Umschlag öffnen und lesen, wozu sie da eingeladen sind.

Es ist so absurd, dass ich beinahe Lust hätte, es zu tun. Vielleicht sollte ich das aber mit dem Göttergatten besprechen, bevor ich die Einladungen herausschicke.


Dresscode wäre casual nude und mitzubringen: Kondome, eine gute Libido und Fantasie. Gespielt wird dann natürlich: Polynopoly. Gestartet sind wir mit dem Wunsch nach unverbindlichen Sexdates und optionalem Spanking, und nach der ersten Runde sind wir gelandet bei einem festen Partner für mich und zwei permanenten, freundschaftlich-intimen Beziehungen mit optimalen Dreiern für meinen Mann. Das fühlt sich an, als hätten wir die Schlossstraße gekauft – mit Hotel. Und Emotionen. – Vielleicht zum fünfjährigen Jubiläum.


Im vergangenen Jahr sind wir als Individuen und als Paar gewachsen. Wir haben unglaublich viel miteinander gesprochen, gelacht, manchmal auch geweint – und natürlich gevögelt. Wir haben mehr neue Menschen kennengelernt als in den letzten 16 Jahren zusammen und uns weiter vom Ausgangspunkt entfernt, als wir je erwartet hätten. Mit ein bisschen mehr Mut wäre das definitiv die bunteste Gästeliste des Jahres.


Für den Göttergatten ist die offene Ehe wie ein neues Hobby – wie ein B(r)ettspiel mit wechselnden Regeln, in dem alle mitspielen, aber keiner je das Handbuch gelesen hat. Manche Spielfiguren müssen eine Runde aussetzen, andere fliegen raus. Bisher musste immerhin noch niemand ins Gefängnis.

Für mich ist die offene Ehe die Erlaubnis, endlich ich selbst sein zu dürfen. Es ist Teil meiner Identität – etwas, das ich immer war, aber jahrelang in einen viel zu kleinen Schuhkarton zu pressen versuchte. Ich wünschte, es gäbe Worte, die ausdrücken könnten, wie unendlich dankbar ich meinem Mann bin – dafür, dass er mich aus dem Käfig der Monogamie freigelassen hat, bevor ich verlernt habe zu fliegen. Oder schlimmer: bevor ich den Käfig mit IKEA-Möbeln eingerichtet und die Wände pastellfarben gestrichen hätte.


Anfangs dachten wir, es wäre nur eine neue Straße auf unserer gemeinsamen Reise. Inzwischen wissen wir, dass hinter dieser Kreuzung eine ganz neue Welt liegt. Eine Welt, die ich mich nie zu suchen getraut hätte – bis wir uns Hand in Hand auf den Weg gemacht haben. Wir sind in kleinen Schritten vorwärtsgegangen und haben uns erlaubt, jeden Einzelnen zu fühlen:

Wie fühlt es sich an, wenn der Partner mit jemand anderem schläft?

Wenn er bei jemand anderem übernachtet?

Wenn er jemand anderen liebt?


Fazit: Für mich ist der Schlüssel zum Glücklichsein in einer offenen Ehe, sich von Standardregelungen zu verabschieden und einfach mehr mit dem Flow zu gehen – ohne ständig an allem und jedem, inklusive sich selbst, zu zweifeln. Ich vertraue meinem Gefühl. Erlaube mir, Grenzen zu überschreiten – auch auf die Gefahr hin, dass es weh tut. Wachstum ist nicht schmerzfrei, aber es macht mich lebendig. Und ist besser als emotionale Verwahrlosung im Komfort der fremdbestimmten Konvention.


In diesem Sinne: Prost aufs Über-sich-Hinauswachsen.

 
 
 

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